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Kristellern: Häufiger Eingriff bei der Geburt trotz erheblicher Risiken

Jede fünfte Frau erlebt laut einer Studie bei der Geburt den Kristeller-Handgriff. Dabei wird das Kind aus ihrem Bauch gedrückt. Das passiert oft ohne Einwilligung der Gebärenden und kann langfristige Folgen für die Gesundheit haben. Systematisch erfasst wird der Eingriff nicht.

Jede fünfte Frau erlebt laut einer Studie bei der Geburt den Kristeller-Handgriff. Dabei wird das Kind aus ihrem Bauch gedrückt. Das passiert oft ohne Einwilligung der Gebärenden und kann langfristige Folgen für die Gesundheit haben. Systematisch erfasst wird der Eingriff nicht. Die Elternorganisation Mother Hood will das ändern und startet die Kampagne „Kristellern vermeiden“. Sie fordert eine sichere und respektvolle Geburtshilfe.

Bonn, 02. Juni 2026. „Ohne Ankündigung hat sich der Arzt mit vollem Körpergewicht auf meinen Bauch geworfen.“ „Ich hatte Angst zu ersticken.“ Mütter berichten der Elternorganisation Mother Hood e.V. regelmäßig vom Kristellern, bei dem das Kind am Ende der Geburt aus dem Bauch gedrückt wird. Der medizinische Fachbegriff lautet Fundusdruck. In einem besonders schwerwiegenden Fall, der Mother Hood gemeldet wurde, berichtet die Mutter vom Tod ihres Kindes: „Unser Sohn starb an den Folgeschäden seiner gewaltvollen Geburt, bei der auch kristellert wurde.“*

Trotz bekannter Risiken ist laut einer Studie aus dem Jahr 2024 jede fünfte Gebärende in Deutschland vom Kristellern betroffen (Volkert et al., BMC Pregnancy Childbirth). Dabei wird der Fundusdruck häufig nicht wie in Leitlinien empfohlen durchgeführt und grundsätzlich nicht systematisch erfasst. Mit der Kampagne „Kristellern vermeiden“ will Mother Hood über diesen Missstand informieren, Gynäkolog:innen und Hebammen zur Überprüfung ihrer Praxis bewegen und die Politik zum Handeln auffordern. 

Beim Kristellern drücken Hebammen oder Gynäkolog:innen während der Austrittsphase der Geburt von außen auf den oberen Teil der Gebärmutter. Ziel ist es, die Geburt zu beschleunigen. Doch der medizinische Eingriff ist umstritten, sein Nutzen wissenschaftlich nicht belegt, die Risiken sind erheblich.

Warum ist Kristellern problematisch?

  • Laut der medizinischen Leitlinie “Vaginale Geburt am Termin” soll der Eingriff wegen seiner Risiken möglichst vermieden werden. Die Weltgesundheitsorganisation WHO lehnt ihn ab. Dennoch wird er häufig angewendet.
  • Kristellern wird oftmals nicht leitliniengerecht ausgeführt. 
  • Es besteht das Risiko von zum Teil schwerwiegenden körperlichen Folgen für Mutter und Kind, wie Gebärmutterrisse und Sauerstoffmangel beim Kind. 
  • Patient:innenrechte werden missachtet: Viele Gebärende werden nicht aufgeklärt, ihre Einwilligung wird nicht eingeholt, ihr Veto-Recht nicht respektiert.
  • Viele Mütter erleben den Eingriff als körperlichen Übergriff und als eine Form von Gewalt während der Geburt. 

Nicht erfasst, aber häufig

Das Kristellern wird bislang nicht systematisch erfasst. Es taucht in keiner regelhaften Statistik zur Qualitätssicherung der Kliniken auf. Nach Berichten von Müttern fehlt der Eingriff zudem häufig sogar in der Behandlungsakte. Damit bleibt unsichtbar, wie oft und unter welchen Bedingungen der Fundusdruck tatsächlich angewendet wird und welche Folgen er für Gebärende und Kinder hat. 

“Die fehlende Datenlage zum Kristellern ist untragbar, gerade bei einem Eingriff, der mit erheblichen Risiken und belastenden Erfahrungen verbunden sein kann”, sagt Katharina Desery von Mother Hood e.V.

Hinweise auf die Häufigkeit gibt die Studie aus dem Jahr 2024 von Volkert et al. Sie zeigt erstmals, dass bei knapp 20 Prozent aller vaginalen Geburten in Deutschland kristellert wird. Damit gehört der Fundusdruck zu den häufigsten geburtshilflichen Eingriffen. Im Vergleich: Der Dammschnitt findet bei etwa 13 Prozent statt, die Kaiserschnittgeburt bei ca. 33 Prozent.

Physische und psychische Risiken für Mutter und Kind

Zu den Risiken des Kristellerns gehören bei Gebärenden unter anderem Rippenbrüche und Prellungen, Beckenbodenverletzungen, Gebärmutterrisse, Organverletzungen, Schmerzen und Atemnot. Beim Kind werden unter anderem Sauerstoffmangel, Knochenbrüche und Verletzungen des Armnervengeflechts als mögliche Folgen genannt.

Zudem beschreiben Mütter das Kristellern in Berichten über Gewalt während der Geburt besonders häufig. Mögliche psychische Folgen sind: posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), Bindungsschwierigkeiten zum Kind, Stillprobleme, keine weitere Schwangerschaft.

Ob der Eingriff als Unterstützung oder als Übergriff erlebt wird, hängt maßgeblich von Kommunikation und Einbeziehung der Gebärenden ab, das bestätigt auch eine Studie aus dem Jahr 2025 (Scholten et al., Arch Gynecol Obstet). Doch selbst bei korrekter und kommunikativ gut begleiteter Ausführung bleiben die körperlichen Risiken bestehen.

Was sich ändern muss

“Wir lehnen das auffällig häufige Kristellern ab”, sagt Katharina Desery. Der Verein sieht in der Häufigkeit des geburtshilflichen Eingriffs einen Beleg für Qualitätsmängel in der Versorgung. Mother Hood fordert deshalb verbindliche Konsequenzen für die geburtshilfliche Praxis: Kristellern muss möglichst vermieden werden, denn es gibt Alternativen. Dazu zählen Bewegung und aufrechte Geburtspositionen, aber auch eine kontinuierliche Begleitung der Geburt durch eine Hebamme.

Wenn doch kristellert wird, muss der Eingriff so wie in medizinischen Leitlinien beschrieben angewendet werden. Das gilt besonders für die Wahrung der Patient:innenrechte, wozu Aufklärung, Einwilligung und Dokumentation gehören. Das Kristellern muss zudem im Rahmen der Qualitätssicherung erfasst werden. Nötig sind aber auch verbindliche Schulungen zu respektvoller Geburtshilfe sowie mehr Forschung, wie gesunde Geburtsverläufe gefördert werden können. 

Gebärende und Kinder haben ein Recht auf bessere Qualität in der Geburtshilfe. Das Kristellern ohne Rücksicht auf Gebärende ist eine nicht hinnehmbare Verletzung dieses Rechts. Zum Schutz von Gebärenden und Kindern ist es an der Zeit, das zu ändern und zu handeln.

Zur Kampagne:

  • Mother Hood stellt Informationen zum Kristellern auf einer Infoseite zur Verfügung (mother-hood.de/kristellern).
  • Schwangere können einen Sticker mit dem Kampagnenmotiv und eine Infokarte für ihren Mutterpass bestellen.
  • Der Verein informiert im Rahmen der Kampagne auf Social Media regelmäßig zum Thema.

Kampagnenmotiv: Gestaltung Dani Becker Design und Illustration https://dani-becker.de/ 

Das Kampagnenmotiv zeigt, wie zwei Hände den Kristellerhandgriff anwenden. Dabei wird der Schriftzug “KRISTELLERN VERMEIDEN” zusammengestaucht.

*) Alle Zitate stammen aus Nachrichten an Mother Hood e.V.

Quellen:

Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) (Hrsg.) (2020): S3-Leitlinie Vaginale Geburt am Termin. AWMF-Registernummer 015/083, Version 1.0, Stand 22.12.2020 (Langfassung).

Volkert A, Bach L, Hagenbeck C, Kössendrup J, Oberröhrmann C, Okumu MR, Scholten N. Obstetric interventions‘ effects on the birthing experience. BMC Pregnancy Childbirth. 2024 Jul 27;24(1):508. doi: 10.1186/s12884-024-06626-5. PMID: 39068395; PMCID: PMC11283698.

Scholten N, Strizek B, Okumu MR, Demirer I, Kössendrup J, Haid-Schmallenberg L, Bäckmann M, Stöcker A, Stevens N, Volkert A. Birthing positions and mother`s satisfaction with childbirth: a cross-sectional study on the relevance of self determination. Arch Gynecol Obstet. 2025 Mar;311(3):591-598. doi: 10.1007/s00404-024-07770-1. Epub 2024 Nov 4. PMID: 39495292; PMCID: PMC11919968. 

Okumu MR, Bach L, Karbach U, McKee L, Recker F, Haid-Schmallenberg L, Stöcker A, Volkert A, Scholten N. Making sense of fundal pressure: A qualitative study on women’s experiences of a non-evidence-based yet commonly practiced intervention. Arch Gynecol Obstet. 2025 Oct;312(4):1277-1286. doi: 10.1007/s00404-025-08130-3. Epub 2025 Jul 24. PMID: 40705046; PMCID: PMC12414011.